Ich führe eine KI-Agentur und habe in meiner gesamten unternehmerischen Tätigkeit 10 bis 15 Skills im regelmäßigen Einsatz. Viele Anwender bauen deutlich mehr, und sie bauen vor allem zu früh. Der Grund ist einfach: Ein nackter Chat bringt mich in einer Minute auf 80 Prozent, und dafür brauche ich keinen einzigen Skill.

In einem Beratungsgespräch mit einem Kanzleiinhaber im deutschsprachigen Markt ist mir das in aller Deutlichkeit begegnet. Er hatte für fast jedes wiederkehrende Thema einen eigenen Skill gebaut, und genau diese Sammlung war inzwischen sein Problem geworden. Er wusste selbst nicht mehr, was er alles besaß, und musste vor jeder Aufgabe erst überlegen, welcher Skill dafür zuständig ist. Seine eigene Beschreibung dafür war, dass ihm schlicht die Struktur fehlt.

Der Reflex, der zu viele Skills erzeugt

Der Weg dorthin ist völlig nachvollziehbar, und ich vermute, dass fast jeder ihn geht. Sie arbeiten an einer Aufgabe, Sie stoßen auf einen Engpass, und Sie beheben ihn sofort, indem Sie einen Skill daraus machen. Beim nächsten Mal starten Sie dann nicht wieder bei Null, und in diesem Moment fühlt sich das nach einem klaren Gewinn an.

Genau deshalb ist der Reflex so schwer zu erkennen. Jede einzelne Entscheidung war richtig, und trotzdem ist das Ergebnis am Ende falsch, weil sich die Entscheidungen summieren. Wenn Sie das für genügend Themen getan haben, haben Sie den Überblick über Ihre eigene Sammlung verloren.

Der Aufwand verschwindet also nicht, er wechselt nur die Stelle. Sie sparen die Minute beim Arbeiten und zahlen sie beim Suchen wieder ein, und zwar jedes Mal von Neuem. Gespart haben Sie am Ende nichts, Sie haben die Arbeit nur verschoben.

Was fehlende Struktur im Alltag wirklich kostet

Der Kanzleiinhaber hat es selbst am besten beschrieben. In der täglichen Nutzung stört ihn, dass er gar nicht mehr weiß, was er schon alles hat. Er muss sich darüber viel zu viele Gedanken machen, bevor er überhaupt anfängt.

Sein eigenes Beispiel war ein Gesellschaftsvertrag. Bevor er damit anfängt, muss er überlegen, welchen Skill er dafür gebaut hat, was damit geht und was eben nicht geht. Dieselbe Überlegung stellt sich bei den Finanzen, und sie stellt sich bei jedem weiteren Thema wieder neu.

Das ist die eigentliche Rechnung, und sie steht in keiner Übersicht. Jede dieser Überlegungen kostet Aufmerksamkeit, und zwar bevor die eigentliche Arbeit überhaupt beginnt. Ein Werkzeug, an das Sie sich erst erinnern müssen, ist im Zweifel teurer als gar kein Werkzeug.

Warum ein nackter Chat schon bei 80 Prozent startet

Meine Grundarbeitsweise ist, dass ich auch mit einem nackten Chat in einer Minute gute Ergebnisse bekomme. Ich starte nie bei Null, ich beginne bereits bei 80 Prozent. Das liegt weder an einer besonderen Formulierung noch an einem Skill, den ich vorher gebaut hätte.

Es liegt daran, dass bei mir nichts im Chat lebt. Ich arbeite kurz an einer Tätigkeit, speichere alles heraus, was ich brauche, und lösche den Chat danach wieder. Abends schließe ich sämtliche offenen Chats, und trotzdem verliere ich kein Wissen, im Gegenteil.

Mein Wissen liegt in Ordnern, und deshalb findet jeder neue Chat es wieder. Wer sein Wissen dagegen in Chats und Artefakten liegen lässt, bekommt es später kaum noch heraus. Sehr viele Menschen werden auf diesem Weg sehr viel Wissen verlieren, ohne es zu merken.

Wann ein Skill sich wirklich lohnt

Damit ich einen Skill baue, muss schon etwas mehr zusammenkommen als ein einmaliger Engpass. Es muss eine Tätigkeit sein, die regelmäßig wiederkehrt und die ich jedes Mal auf dieselbe Weise erledige. Alles andere erledigt der Chat, und er erledigt es gut genug.

Dahinter steht eine Rollenverteilung, die ich in jedem Kundengespräch erkläre. Die KI ist der Bauarbeiter, und Sie sind der Architekt. Viele erfolgreiche Menschen nutzen KI inzwischen für alles und lassen sie sogar Entscheidungen treffen, und genau da würde ich vorsichtig bleiben.

Ein Architekt, der für jede Wand ein eigenes Werkzeug baut, kommt mit dem Haus nicht weiter. Das Bauen der Werkzeuge fühlt sich nach Fortschritt an, weil es sichtbar ist und weil am Abend etwas Fertiges dasteht. Genau das ist die Falle daran.

Fazit: Struktur schlägt Werkzeugbau

10 bis 15 Skills reichen für ein ganzes Unternehmen, wenn das Wissen in Ordnern liegt statt in Chats. Wer mehr baut, ersetzt meistens fehlende Struktur durch zusätzliche Werkzeuge. Das verschiebt die Arbeit nur, statt sie zu erledigen.

Die Frage dahinter stelle ich in jedem Kundengespräch, und sie lautet, was eigentlich passiert, wenn Ihr heutiges Modell morgen nicht mehr das beste ist. Wissen, das in Ordnern liegt, übersteht einen solchen Wechsel ohne Aufwand. Wissen, das nur im Chat liegt, geht dabei verloren.

Der nächste Schritt ist deshalb unspektakulär, und er hat mit Werkzeugen nichts zu tun. Räumen Sie Ihr Wissen aus den Chats in eine Ordnerstruktur, bevor Sie den nächsten Skill anlegen. Danach sehen Sie ohnehin klarer, welcher Skill sich überhaupt noch lohnt.